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Mario Büscher
Redakteur

Hallo zusammen,

heute veröffentlichen wir eine wichtige Beschlussvorlage, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Auf ihrer Grundlage soll ein wichtiger Vertrag mit einem Investor an der Berliner Brücke geändert werden und so die Ansiedlung eines Logistikers ermöglichen. Zuletzt hatten die Kooperationsparteien gesagt, überrumpelt worden zu sein und sich für das kleinere Übel zu entscheiden. Das interne Papier zeigt, zu welchen Verrenkungen die Stadtverwaltung bereit ist, um dem chinesischen Unternehmen die Ansiedlung zu ermöglichen.

Darum geht es: Der Ausschuss für Stadtplanung und der Wirtschaftsausschuss haben sich am Mittwoch dafür entschieden, einen wichtigen Vertrag mit der Firma MLP zu ändern, der an der Berliner Brücke den Business Park Schalke baut. Mit der Zustimmung kippen sie eine frühere Entscheidung und lassen am Standort mehr Logistik zu als ursprünglich geplant. Wir haben am Dienstag darüber berichtet.

Kurzfassung: Früh haben Politiker im Stadtteil vor einem Logistikstandort gewarnt. Der Rat hatte 2024 entschieden,die Fläche für Logistiker und Warenverteilzentren auf 20.000 Quadratmeter zu begrenzen. Dann meldete MLP im Dezember 2025 einen ersten Mieter: Den chinesischen Logistiker Winit, der über 36.000 Quadratmeter Fläche bekommen soll.

Neue Entwicklung: Uns liegt die Beschlussvorlage aus der nicht-öffentlichen Sitzung vom vergangenen Mittwoch vor. Wir veröffentlichen sie an dieser Stelle. So können Sie sich selbst ein Bild von den Vorgängen machen. Darin wird deutlich: Der Mietvertrag, der bereits im November 2025 unterschrieben wurde, ist nicht mit den Vorgaben im ursprünglichen Durchführungsvertrag vereinbar. Und: Die Verwaltung verlässt sich in zentralen Dingen auf Versprechen der Unternehmen, die am Standort arbeiten wollen.

(Der Download funktioniert nicht direkt aus der E-Mail, Sie werden zunächst auf unsere Webseite weitergeleitet.)

Mehr Fläche und mehr Hallen: An der Berliner Brücke sollen fünf Hallen entstehen. Die Hallen 1-3 mit den genannten über 36.000 Quadratmetern will Winit laut Mietvertrag als Warenverteilzentrum nutzen, wie es in der Beschlussvorlage heißt. 

Besonders brisant: Winit hat im Mietvertrag laut dem Dokument zudem die Möglichkeit ab 1. März 2027 auch die Hallen 4 und 5 auf dem Areal zu mieten. Damit „würde die bislang nicht gewünschte Entwicklung zu einem Logistikstandort ermöglicht“, heißt es in der nicht-öffentlichen Vorlage. Die Politik wollte eigentlich einen Branchenmix, die Kooperationsparteien haben zuletzt ihren Wunsch nach Handwerksbetrieben nochmal unterstrichen und uns gesagt, dass MLP hier Zusagen gemacht habe. In der Beschlussvorlage ist davon nun erstmal nicht mehr die Rede. 

Verwaltung hofft auf neue Jobs: Die Stadtverwaltung rechtfertigt die Änderung des Durchführungsvertrages unter anderem mit der Anzahl an neuen Jobs für Gelsenkirchen. Winit habe angekündigt, bis zu 500 neue Jobs zu schaffen. Zumindest dann, wenn das Unternehmen den gesamten Business Park mietet Aber in der Vorlage steht auch: Laut Bauantragsunterlagen ist am Standort ein automatisiertes Lagersystem geplant. Die Stadtverwaltung schreibt selbst, dass dies in der Regel „mit einem sehr geringen Personalbedarf” einhergeht. „Ob diese Angabe bereits die in Halle 2 vorgesehene vollautomatisierte Lagerhaltung berücksichtigt, geht aus den Unterlagen nicht hervor”, heißt es.

Keine feste Vorgabe für 500 Arbeitsplätze: Gebunden sind die beiden Firmen nach den derzeitigen Vorgaben an einen anderen Wert, nämlich einer Vollzeitstelle pro 300 Quadratmeter Mietfläche. Bei den rund 36.000 Quadratmetern wären das rund 120 Arbeitsplätze, bei der Gesamtfläche mit allen fünf Hallen und 72.000 Quadratmetern wären es 240 Stellen. Heißt: Die Stadtverwaltung verlässt sich bei den Arbeitsplätzen auf das Versprechen des chinesischen Logistikunternehmens. Es könnten am Ende aber auch deutlich weniger Arbeitsplätze entstehen.

Chance für ungelernte Arbeiter: 70 Prozent der Stellen sollen den Informationen nach auf Lagerarbeiter, Gabelstaplerfahrer und Teamleiter entfallen, 20 Prozent auf technische Fachkräfte und zehn Prozent auf Management und Verwaltung. Die Stadtverwaltung sieht hier „gute Einstiegsmöglichkeiten” für die vielen ungelernten Arbeitskräfte in Gelsenkirchen. Gleichzeitig hebt sie positiv hervor, dass 30 Prozent der Stellen nicht auf einfache Tätigkeiten entfallen. Laut MLP weicht die Beschäftigungsstruktur von „klassischen Logistikern” ab. Die Stadverwaltung glaubt das. Daher sei die Abweichung vom ursprünglichen Durchführungsvertrag zu genehmigen. Winit kündigt zudem an, dass 95 Prozent der Mitarbeitenden aus Gelsenkirchen kommen sollen. Darauf hat die Stadtverwaltung am Ende aber keinen Einfluss. Sie schreibt: „Die Verfügbarkeit an Arbeitskräften ist ein relevantes Argument für die Standortentscheidung für Gelsenkirchen.”

Das ist am Standort geplant: Winit will mit einem Hersteller von Balkonkraftwerken zusammenarbeiten. Nach unseren Informationen handelt es sich dabei um eine Tochter der chinesischen Firma Anker. „Die projektierte Kommissionierung von Photovoltaik-Balkonkraftwerken und ihren Speichermodulen kann durchaus als in die Logistik verlagerte Produktion verstanden werden. Es wird also 'mehr' als reine Logistik umgesetzt”, heißt es dazu in der Einschätzung der Verwaltung. Vorgaben zum Verkehr werde Winit einhalten.

Verwaltung hofft auf Gewerbesteuer: Die Stadtverwaltung rechnet mit 200.000 bis 500.000 Euro Euro Gewerbesteuer, die Winit in Gelsenkirchen zahlen könnte. Das sei als „relevant” einzustufen, schreibt die Stadtverwaltung in der geheimen Beschlussvorlage. Daraus geht weiter hervor, dass Winit versprochen habe, eine Gelsenkirchener Tochterfirma zu gründen. Das steht auch in einer E-Mail des Projektentwicklers MLP an die Kooperationsparteien. Zur Einordnung der Zahlen: Die gesamten Gewerbesteuereinnahmen in Gelsenkirchen lagen 2024 bei rund 171 Millionen Euro und sollen im laufenden Jahr laut Haushalt auf 187 Millionen Euro steigen.

Vorgehen von MLP: Der Investor hatte wohl bereits im November einen unterzeichneten Mietvertrag mit Winit. Der Verwaltung liegt dieser jedoch erst seit Mitte Februar vor. Wir haben immer wieder Anfragen an MLP geschickt, wollten bereits zu Beginn des Jahres wissen, was genau am Standort geplant ist und wie das alles mit den Vorgaben im Durchführungsvertrag zusammenpasst. Antworten erhielten wir nicht. Pläne wurden ausschließlich in nicht-öffentlichen Sitzungen vorgestellt. Wir werden weiterhin versuchen, eine Stellungnahme der Firma einzuholen. 

So geht es weiter: Wir wissen nicht, was genau in dem neuen Durchführungsvertrag stehen wird. Am Ende der Beschlussvorlage heißt es: „Der genaue Umfang der Änderung ist noch abzustimmen und wird Gegenstand einer separaten Vorlage.” Darüber wird der Stadtrat im Mai entscheiden müssen.

Am Ende bleibt: Ein neues Gewerbegebiet, das eigentlich kein Logistikstandort werden sollte. In der Beschlussvorlage heißt es nun: das Vorhaben könne „durchaus als gelungene Standorttransformation von einer Industriebrache in einen produktiven Logistikstandort bewertet werden”.

Kuriose Panne: Die Stadtverwaltung weiß offenbar um die Brisanz der Beschlussvorlage. Das zeigt eine Panne der städtischen Öffentlichkeitsarbeit am Mittwochabend. Die gab nach der Entscheidung im Ausschuss eine ausführliche Pressemitteilung heraus, in der sie dezidiert die zentralen Informationen aus der Beschlussvorlage auflisteten, über die wir auch in der heutigen Ausgabe berichten. Rund zwanzig Minuten später zog die Verwaltung die Meldung zurück, mit dem Hinweis: „Sehr geehrte Redaktionen, leider ist eben versehentlich eine vorbereitete Vorabversion verschickt worden. Bitte verwenden Sie zur Berichterstattung die folgende Meldung.“ Diese stark gekürzte zweite Version enthielt die brisanten Informationen nicht mehr. Der Öffentlichkeit sollten diese wohl lieber vorenthalten werden. 


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Samstags ist Schichtwechsel! 
Bei uns im Spotlight-Café gibt’s jetzt jeden Samstag ein richtig dollet Frühstücksbuffet. Also: Lass dat Bütterken inne Dose, komm’ lieber von 9 bis 14 Uhr zu unserem Schichtwechsel. Et gibt knackige Brötchen, Kniften, Mettigel, Rührei, Blutwurst und andere Ruhrpottleckerein. Dat ganze kostet 15 Tacken pro Kopp. Inklusive rotzigem Filterkaffee, Apfelsaft und gefiltertem Kraneberger.

Also, nicht lange rumdödeln – Hunger einpacken und rumkommen! Am besten vorher reservieren unter 0209 15558198.

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Heute wichtig

+++ Wer in der Gelsenkirchener Innenstadt lebt, arbeitet oder einkauft, kann jetzt mitgestalten, wie die City in Zukunft aussehen soll. Die Stadtverwaltung hat dazu eine Online-Befragung gestartet. Ziel soll sein, Ideen zu entwickeln und einen Veränderungsprozess anzustoßen. Aus den Ergebnissen sollen dann konkrete Empfehlungen für Politik und Verwaltung entstehen. Die Umfrage ist anonym und dauert etwa 10 Minuten. Stadt Gelsenkirchen

+++ Der Sportplatz in der Löchterheide in Buer bekommt Kunstrasen. Das ist möglich, weil die Stadtverwaltung fast eine Million Euro aus einem Sport-Förderprogramm bekommt. Zusätzlich zum Kunstrasen bekommt der Sportplatz unter anderem eine neue Laufbahn und LED-Flutlichtmasten. Insgesamt kostet die Sanierung zwei Millionen Euro. Etwas mehr als die Hälfte davon zahlt die Stadtverwaltung selbst. Stadt Gelsenkirchen

+++ Das buersche Traditionscafé Albring-Rüdel öffnet nach einem Brand wieder. Das schreibt die WAZ, die mit den Inhabern gesprochen hat. In dem Café hatte es im vergangenen Sommer gebrannt, seitdem war es geschlossen. Die Inhaber wollen am 28. April neu eröffnen. In den vergangenen Monaten sei das Café komplett renoviert worden. WAZ


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Spot On: der Kulturtipp fürs Wochenende

Präsentiert von GelsenMyLove:

Verleihung des Nam June Paik Awards der Kunststiftung NRW an Michael Beutler sowie des Förderpreises an Lisa Klosterkötter. Mit Beiträgen von Oberbürgermeisterin Andrea Henze und NRW-Kulturministerin Ina Brandes. Anschließend werden die Ausstellungen „Tapetenwechsel“ und „Ein Dorf“ eröffnet.

+++ Sonntag, 26.04.; 12 Uhr, Kunstmuseum Gelsenkirchen, Eintritt frei

Blog, Instagram, Newsletter: Kirsten Lipka zeigt unter GelsenMyLove, was Gelsenkirchen kulturell zu bieten hat. Nun auch jeden Donnerstag im Spotlight.


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Heute machen

Das ist heute in Gelsenkirchen los: 

+++ Foreign Visitors – Abschlussaufführung der Forum-Theater-Residenz, Theater/Ballett, Atelierhaus, 19 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos


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Demnächst im Spotlight

28.04.2026 – Feierabendmarkt 2.0: Was muss passieren, damit der Markt nicht stirbt?

Hinter den Kulissen rumort es beim Feierabendmarkt

Einige Händler sind unzufrieden mit der Organisation. Langjährige Stammbesucher machen sich Sorgen um die Zukunft.

Wir wollen offen über die Probleme sprechen: Am Dienstag, den 28. April, laden wir zu uns ins Spotlight ein. Alle können kommen und mitreden: Händler und Verantwortliche, aber auch Gäste und solche, die es mal waren.

07.05.2026 – „Akten des Missbrauchs”: Film-Screening mit Q&A

Der Dokumentarfilm „Akten des Missbrauchs“ von CORRECTIV folgt der Spur geheimer Kirchendokumente bis hinter die Mauern des Vatikans. Während die Kirche weiter Papst Benedikt XVI. schützt, stößt die Recherche auf brisante Belege: Ein von ihm unterzeichnetes Schreiben führt zu einem geheimen Archiv, in dem Verbrechen weltweit dokumentiert werden.  Die investigative Dokumentation führt bis an die Spitze der Kirche – und stellt die Frage nach Verantwortung im Umgang mit Missbrauch.

Im Anschluss an die Filmvorführung laden wir zum Q & A mit dem Reporter hinter der Recherche, Marcus Bensmann, ein.

Weitere Veranstaltungen im Überblick

+++ 07.05.2026 – „Akten des Missbrauchs”: Film-Screening mit Q&A, Spotlight Gelsenkirchen, Eintritt 8 Euro, Alle Infos & Tickets

Alle unsere Veranstaltungen finden Sie unter gelsenkirchen.correctiv.org/veranstaltungen


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Köpfe im Spotlight

Diese Woche im Kurzinterview: Volker Bruckmann, Vorsitzender des Heimatbunds Gelsenkirchen.

Warum sollen vergangene lokale Geschichten heute noch erzählt und dokumentiert werden?

Die Menschen erinnern sich gerne. Gerade auf unseren Veranstaltungen, wenn wir Fotos zeigen, wie Gelsenkirchen früher ausgesehen hat, schwelgen die Besucher in Erinnerungen und tauschen sich aus. Auf diese Art positive Emotionen zu erzeugen ist unfassbar schön und jedes Mal aufs Neue ein besonderer Moment. 

Wie gelangen Sie an Dokumente und historische Fundstücke? 

Wir dürfen das Stadtarchiv für unsere Recherchen nutzen, haben aber auch bei uns im Volkshaus Rotthausen viele Bücher, Zeitschriften, Zeitungsausschnitte, Broschüren, Fotos und Festschriften. Bürgerinnen und Bürger melden sich außerdem bei uns und lassen uns Dinge für unsere Sammlung zukommen. Wir hoffen immer, eine Rarität zu finden.

Wenn Sie eine Sache an Gelsenkirchen ändern könnten, was wäre das? 

Ich habe häufig das Gefühl, dass die Bubbles unter sich bleiben. Ich würde mir wünschen, dass wieder mehr aufeinander zugegangen wird und mehr Austausch stattfindet. 

Volker Bruckmann war schon als Jugendlicher Sammler. Einige Fundstücke hatten bereits mit der Geschichte der Stadt zu tun. Seine große Verbundenheit zu seiner Heimatstadt und besonders zu seinem Stadtteil Ückendorf führte dazu, dass er 2013 Vorsitzender des Heimatbunds Gelsenkirchen wurde. Aktuell beschäftigt er sich mit Themen wie Denkmalschutz und der Erhaltung von alten Gebäuden.


Das war es für heute. Leiten Sie diese Mail gerne an Freunde und Bekannte weiter. 

Tschüss und danke sehr!

Mario Büscher

An dieser Ausgabe haben Tobias Hauswurz und Ronja Rohen mitgearbeitet.


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Worträtsel

Können Sie das heutige Worträtsel lösen?

So funktioniert's:

Erraten Sie das gesuchte Wort in höchstens sechs Versuchen. Es sind nur gültige deutsche Wörter zugelassen.

  • Grün: Buchstabe ist richtig und an der richtigen Stelle.
  • Gelb: Buchstabe ist richtig, aber an der falschen Stelle.
  • Grau: Buchstabe kommt im Wort nicht vor.

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