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Mario Büscher
Redakteur

Hallo zusammen,

die Absage der Lichtinstallation „Hallender Hass” bei den Goldstücken in Buer hat vor gut einem halben Jahr eine Debatte über Kunstfreiheit und Zensur ausgelöst. Im Kulturausschuss sollte die Verwaltung ihr Vorgehen jetzt erklären. Sie sagt: Entscheidend für die nicht-Teilnahme war nicht das staatliche Neutralitätsgebot, sondern das Konzept des Festivals. Dazu habe die Installation „explizit nicht” gepasst. Das klang vorher etwas anders. 

Darum geht es: Die Künstlerin Melisa Kujević  wollte mit „Hallender Hass” im Keller des Buerschen Rathauses Zitate von AfD-Politikern an die Wand projizieren und über Lautsprecher weitere einspielen. Die damalige Studentin der HBK Saar wollte mit einer Künstlergruppe an der Veranstaltung teilnehmen. Die Planungen schienen weit fortgeschritten, ein Vertrag jedoch wurde zu keinem Zeitpunkt unterschrieben. Aus Solidarität mit ihrer Kommilitonin sagten am Ende auch die anderen Künstlerinnen und Künstler der HBK Saar ihre Teilnahme an den Goldstücken ab.

Das ist neu: Die Absage beschäftigte am Mittwoch den Kulturausschuss. Eine Mitarbeiterin der Verwaltung und ein Jurist nahmen für das Kulturamt Stellung zur nicht-Teilnahme. „Die endgültige Entscheidung liegt bei der Kulturverwaltung”, sagte die Mitarbeiterin der Verwaltung. Das Kulturamt argumentiert:  Es gab keine Ausladung, weil zuvor die  Teilnahme Kujevićs gar nicht feststand. Bei den Gesprächen zwischen Kurator und Künstlergruppe habe es sich um „Vorverhandlungen” gehandelt. Es sei „nicht ungewöhnlich”, dass eine Teilnahme vor Vertragsabschluss „wieder entfällt”. Die Gespräche zu einer Teilnahme seien unter Zeitdruck gelaufen. Die Wahrnehmung der Studierenden ließe sich durch die parallelen Strukturen bei der Organisation erklären. Rein juristisch habe es keine Absage gegeben.

Die Installation, die nicht nach Buer kam. Foto: HBK

Mailverkehr legt Zusage nah: Ein Schriftverkehr zwischen Künstlerin und Kurator, der SPOTLIGHT Gelsenkirchen vorliegt, ist indes kaum anders zu verstehen als eine Zusage. Der Kurator Hendrik Wendler schreibt, er freue sich darauf, „den Ratskeller in Gelsenkirchen gemeinsam mit den Studierenden bespielen” zu können. Und, dass er konzeptionell gerne „eskalieren” würde - von „kommod zu drastisch”. Kujevićs Arbeit sollte der Höhepunkt werden. Und uns liegen weitere Mails vor, in denen sich das Festivalteam mit den Künstlern abspricht. Es geht um konkrete Planungen: Ortsbesuche, den Transport der Kunstwerke und Hotelbuchungen. Die Absage erfolgte Ende August.

Grund für die Absage: Als Grund führte die Verwaltung nun im Ausschuss an, dass das Ziel der Goldstücke ein „niedrigschwelliger Zugang” zu Lichtkunst ist. „Für die Veranstaltung ungeeignet sind Inhalte, die Angst, Bedrohung oder Verachtung erzeugen” oder das Risiko bergen, Besuchende zu „retraumatisieren” und der lebensbejahenden Ausrichtung des Festivals widersprechen. „Hallender Hass” habe deshalb nicht zum Motto „Active Positive” gepasst. 

Das staatliche Neutralitätsgebot habe hingegen bei der Absage eine „absolut untergeordnete” Rolle gespielt und sei „nicht entscheidend” gewesen, sagt die Verwaltung jetzt. Im Brief von Kulturamtsleiterin Andrea Lamest vom 17. September an die Künstlerinnen und Künstler klang das noch anders, dort heißt es: Eine „interne Prüfung und Abwägung” habe ergeben, „dass die konkrete Arbeit wegen ihres parteipolitischen Bezuges nicht vereinbar ist mit dem staatlichen Neutralitätsgebot.” Vor allem sorgte sich das Kulturamt um die Stichwahl am 28. September.

Juristisches Nachspiel: Melisa Kujević möchte immer noch vor Gericht ziehen. Sie argumentiert, dass der Kontakt und die Aussagen des Kurators durchaus als Zusage zu werten gewesen seien. Sie sagt auch, dass dem Kurator von Anfang an klar war, dass volksverhetzende und rassistische Zitate von AfD-Politikern Teil der Arbeit waren. Das Konzept der Goldstücke rufe dazu auf, „den öffentlichen Raum und den gesellschaftlichen Diskurs aktiv und verantwortungsvoll zu gestalten”. Ihr Werk mache „problematische politische Sprache sichtbar” und lade zur kritischen Auseinandersetzung ein. Damit würde ihr Werk dem Anspruch des Mottos entsprechen.

Die Studierenden forderten außerdem von der Verwaltung eine Erstattung für schon gebuchte Unterkünfte. Geld wird es aber nicht geben. Es bestehe „kein Grund” die Künstlerin zu entschädigen, sagte die Verwaltung.

Ursprünglich sollte auch Kurator Hendrik Wendler an der Sitzung des Kulturausschusses teilnehmen. Er war allerdings krank. Genauso wie zuständige Mitarbeitende im Kulturamt. Rückfragen konnten daher nicht vollständig beantwortet werden. Die Ausschussmitglieder aber haben die Chance bis Dienstag weitere Fragen bei der Verwaltung einzureichen, die dann schriftlich beantwortet werden sollen.


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Heute wichtig

+++ Zwei Gesundheitszentren im Gelsenkirchener Süden werden doch nicht wie geplant gebaut. Die Investoren haben das 50-Millionen-Euro-Projekt an der Leithestraße gestoppt, schreibt die WAZ. Geplant waren laut der Zeitung eigentlich ambulante Zentren für Augenheilkunde, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Orthopädie und Sportmedizin. Auch mit dem benachbarten Marienhospital wollten die Investoren zusammenarbeiten. Neue Pläne gibt es für das Gelände an der Leithestraße wohl noch nicht. WAZ


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Heute machen

Das ist heute in Gelsenkirchen los: 

+++ Stattwerkstadt, Workshop, Musiktheater im Revier, 18 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos

+++ Igal Avidan – »… und es wurde Licht!«, Lesung, Kottmann am HKP – Das Literatourcafé, 19 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos

+++ Rudelsingen mit David Rauterberg & Matthias Schneider, Mitsing-Konzert, Kaue, 19:30 Uhr, Eintritt ab 19 Euro, Alle Infos 

+++ GEjazzt OPEN, Konzert, Kulturraum „die flora“, 20 Uhr, Eintritt ab 10 Euro, Alle Infos


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Demnächst im Spotlight

19.03.2026 – Köpfe im Spotlight: Sebastian Buntkirchen von Schalke 04

Zum Start unseres neuen monatlichen Talkformats „Köpfe im Spotlight” wollen über den FC Schalke 04 reden. Bestimmt geht's auch kurz um Edin Dzeko und einen möglichen Aufstieg in die Bundesliga, im Vordergrund soll aber der Verein und die Bedeutung für die Stadtgesellschaft stehen. Unser Gesprächspartner ist Sebastian Buntkirchen, der auf Schalke unter anderem Direktor für Fankultur, Spielbetrieb und Vereinsangelegenheiten ist. Ihn fragen wir: Ist Schalke 04 noch der Identitätsstifter früherer Tage?

19 Uhr
; Spotlight Gelsenkirchen, Arminstraße 15, 45879 Gelsenkirchen; Eintritt frei

26.03.2026 – Recht auf Ganztag – machbar oder zu hohe Belastung?

Ab 1. August 2026 haben Erstklässlerinnen und Erstklässler Anspruch auf Betreuung im Offenen Ganztag. Kommunen klagen und fühlen sich vom Land allein gelassen. Träger fürchten, dass die Betreuung eher zu einer Verwahrung wird. Es fehlen Mensen, Personal und Räume.

Wir wollen mit Expert:innen darüber sprechen, was geschehen muss, um das Recht auf Ganztag gewährleisten zu können. Moderiert wird der Abend von CORRECTIV-Bildungsreporterin Alexandra Ringendahl. Wie immer wollen wir auch mit dem Publikum diskutieren.

19 Uhr
; Spotlight Gelsenkirchen, Arminstraße 15, 45879 Gelsenkirchen; Eintritt frei

09.04.2026 – Olympia oder NOlympia?

Am 19. April dürfen wir alle per Bürgerentscheid mitbestimmen, ob sich Gelsenkirchen an der Bewerbung für olympische Spiele an Rhein und Ruhr beteiligen soll. Im Spotlight diskutieren wir darüber mit Dominic Schneider, Fraktionsvorsitzender SPD im Rat oder Marco Fladrich, Vorsitzender des Sportausschusses für die SPD und Felix Langer, dem Co-Kreisvorsitzenden der Linkspartei.

Beginn: 19 Uhr
; Ort: Spotlight Gelsenkirchen, Arminstraße 15, 45879 Gelsenkirchen; Eintritt frei

Weitere Veranstaltungen im Überblick

+++ 02.04.2026 – Aufgedeckt – die Stadt recherchiert, Offene Redaktionskonferenz, Spotlight Gelsenkirchen, Eintritt frei, Alle Infos

+++ 07.05.2026 – „Akten des Missbrauchs”: Film-Screening mit Q&A, Spotlight Gelsenkirchen, Eintritt 8 Euro, Alle Infos & Tickets

Alle unsere Veranstaltungen finden Sie unter gelsenkirchen.correctiv.org/veranstaltungen


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Köpfe im Spotlight

Diese Woche im Kurzinterview: Nikoleta Manojlovic vom Café Ütelier

Was macht für Sie ein perfektes Caféerlebnis aus?

Mir ist eine schöne Atmosphäre und Lockerheit wichtig. Wenn ich in ein Café komme, möchte ich mich direkt wohlfühlen und das Gefühl haben, in einem Wohnzimmer zu sitzen. Das gleiche möchte ich, wenn Gäste zu uns ins Café kommen. Die Leute sollen die Möglichkeit haben, mit uns und den anderen Gästen ins Gespräch zu kommen.  

Warum ist es Ihnen wichtig, viele Produkte selbst herzustellen?

Am Anfang war das gar nicht geplant. Eigentlich wollten wir nur ein paar Kuchen selbst backen. Aber unser Bäcker, der uns in den ersten zwei Monaten beliefert hat, ist von einem Tag auf den anderen pleite gegangen und so bin ich abends noch in den Supermarkt und habe unsere Brioch Brötchen einfach selbst gebacken, das hat so gut funktioniert, dass ich von da an nur noch selbst gebacken habe. Mittlerweile machen wir unser Brot und Brötchen, aber auch den Großteil unserer Kuchen selbst. Uns ist es wichtig, unseren Gästen gute Qualität anbieten zu können und wenn wir neue Dinge ausprobieren können. 

Wenn Sie eine Sache an Gelsenkirchen ändern könnten, was wäre das?

Ich würde mir unter den Menschen mehr miteinander wünschen. Ich habe das Gefühl, dass gerade die Stadtteile häufig gegeneinander sind, anstatt sich gegenseitig zu unterstützen. 

Nikoleta Manojlovic betreibt gemeinsam mit ihrem Mann Patrick Raute das Café Ütelier an der Bochumer Straße. Sie selbst ist in Ückendorf aufgewachsen. Die erste Idee zum Café entstand schon während ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau. 


Das neue Comedy-Format Fun Facts, an dem CORRECTIV als Recherche-Partner beteiligt ist, hat eine spannende Initiative gestartet: Bürgermeisterinnen und Kommunalpolitiker aus ganz Deutschland sollen sich verbünden, um gemeinsam eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer fordern. Der Vorschlag ist, das Geld den klammen Städten und Gemeinden zu geben. Die Schauspielerin Karoline Herfurth erklärt das in diesem Video genauer – zum Beispiel, warum die Initiative V.E.R.G.N.Ü.G.T. heißt. 

Liebe Frau Henze, vielleicht ist das ja auch was für Sie. Schließlich braucht gerade Gelsenkirchen dringend mehr Geld. Wenn Sie mitmachen wollen, können Sie sich einfach bei Fun Facts melden. Das gilt natürlich auch für alle anderen Kommunalpolitikerinnen und -politiker in dieser Stadt. Auch wenn Sie die Idee nicht gut finden, können Sie dem Fun-Facts-Team schreiben.

Tschüss und bis bald

Mario Büscher

An dieser Ausgabe haben Tobias Hauswurz und Ronja Rohen mitgearbeitet.


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