
Mario Büscher
Guten Tag,
im neuen Gewerbegebiet an der Berliner Brücke soll eine Logistikfirma einziehen. Mehr als 36.000 Quadratmeter, also rund die Hälfte der verfügbaren Fläche, will die deutsche Tochter des chinesischen Unternehmen Winit mieten. Vorgesehen waren aber eigentlich maximal 20.000 Quadratmeter Fläche für Warenverteilzentren. Das hat die Politik vor anderthalb Jahren so entschieden. Wie kann das sein?
Ende vergangenen Jahres kam erstmal die gute Nachricht: Der Eigentümer des neuen Business Park Schalke an der Berliner Brücke, die Firma MLP, hat einen ersten Mieter gefunden und schreibt in einer Mitteilung vom 8. Dezember 2025 von einer „bedeutenden Vermietung auf dem deutschen Logistikimmobilienmarkt”. Winit soll nach MLP-Angaben zwischen 300 und 400 neue Arbeitsplätze schaffen und will dafür einen großen Teil des Parks mieten. Sie können die riesigen Hallen bereits sehen, wenn Sie aus der Stadt kommend über die Berliner Brücke fahren und nach rechts blicken.
Für die Stadt ist das gut, weil neue Unternehmen Gewerbesteuer bringen und neue Arbeitsplätze zu mehr Kaufkraft führen können. Das kurbelt die Wirtschaft an.
Logistik soll eigentlich nur Branchenmix ergänzen
Aber Moment mal. Winit ist ein chinesischer Logistiker mit deutscher Niederlassung in Bremen. Business Park Schalke und Logistiker – da war doch was: Die Politik nämlich wollte für die Brachfläche einen Branchenmix aus Gewerbe, kleineren Handwerksbetrieben und „ergänzend” Logistik. Ergänzend. Im Bebauungsplan wird das dann auch nochmal konkretisiert. „Kleinere Logistikbetriebe können den Standort ergänzen und sind nur in Form von Warenverteilzentren zulässig”, steht dort. Sie können das selbst nachlesen. Der Rat hatte damals einstimmig zugestimmt.
Winit ist ein weltweit arbeitendes chinesisches Logistikunternehmen mit einer deutschen Zentrale in Bremen. Nach eigenen Angabenkonfektioniert, verpackt und versendet Winit Pakete für große Versandhändler wie Ebay und Amazon. Auf der Internetseite zeigt das Unternehmen Bilder von riesigen Lagerhallen mit Regalen, die mehrere Meter in die Höhe ragen. In der Pressemitteilung von MLP heißt es, Winit Deutschland sei seit zwölf Jahren am deutschen Markt aktiv. Winit wird beschrieben als „als weltweit führendes Unternehmen im Bereich grenzüberschreitender Logistik”. Der Geschäftsführer von Winit Deutschland, Wei Wei Shen, sieht Europa als einen der wichtigsten Wachstumsmärkte. „Durch seine für Automatisierung ausgelegte Infrastruktur, die exzellente Verkehrsanbindung, die schnelle Skalierbarkeit und den Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften bietet der MLP Business Park Schalke optimale Rahmenbedingungen für die weitere Expansion unserer Aktivitäten”, wird er zitiert.
Und es werden Zahlen genannt. 20.000 Quadratmeter Grundfläche sollen für die „stadtnahe Warenverteilung” zur Verfügung stehen. Diese Zahl taucht im Bebauungsplan zweimal auf.
Winit alleine jedoch mietet laut MLP knapp über 36.000 Quadratmeter und hat die Option zur Erweiterung. Eine Antwort darauf, wie das mit den Vorgaben aus dem Bebauungsplan zusammenpasst, bekamen wir von MLP nicht. Wir haben mehrmals mit einem Vertreter der Firma telefoniert, uns wurde ein Interview in Aussicht gestellt. Ein zugesagter Termin wurde kurzfristig wieder abgesagt. Mittlerweile geht niemand mehr ans Telefon und eine E-Mail mit unseren Fragen blieb ebenfalls unbeantwortet.
Strafe bei Vertragsbruch
Die Stadtverwaltung sagt, dass die Logistik-Obergrenze am 19. Juni 2024 in den sogenannten Durchführungsvertrag aufgenommen wurde. Es ist also nicht erlaubt, auf einer Fläche, die größer ist als 20.000 Quadratmeter, Warenverteilzentren zu bauen. Die Verwaltung geht hierbei noch mehr ins Detail: 10.000 Quadratmeter sind für die citynahe Warenverteilung maximal vorgesehen, weitere 10.000 für die „nicht citynahe”.
Ob die Vermietung an Winit mit den Vorgaben aus dem Bebauungsplan und dem Durchführungsvertrag in Einklang gebracht werden kann, konnte uns die Verwaltung nicht mitteilen. „Die Unterlagen zur Beurteilung und Genehmigung der Nutzung” seien „noch nicht eingereicht” worden. Dabei soll Winit im ersten Quartal dieses Jahres einziehen, Zugang hatte die Firma laut MLP-Mitteilung bereits seit Ende 2025. Die Halle ist auch schon fast fertig gebaut.
Bereits vor Umsetzung des Projekts warnten Vertreter von Grünen und Linken vor einem Standort, der vorwiegend auf Logistik setzt. Die Branche ist bekannt für niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen. Der Grünen-Politiker Burkhard Wüllscheidt zweifelte bereits 2024 an, dass sich langfristig Firmen außerhalb der Logistikbranche ansiedeln würden. Auch Martin Gatzemeier (Linke) glaubte nicht an viele Interessenten außerhalb der Lieferbranche. Das Gebiet habe einen zu schlechten Ruf.
Wir haben auch bei Winit nachgefragt, was genau an dem Standort geplant ist und ob tatsächlich die ganze gemietete Fläche für Logistik genutzt werden soll. Unsere Anfrage blieb unbeantwortet.
Sollte die Fläche nicht so genutzt werden, wie die Politik es entschieden hat, könnte der Projektentwickler MLP Strafen riskieren. „Die Stadt ist berechtigt, Vertragsstrafen zu verhängen, falls der Vorhabenträger entgegen den vertraglichen Pflichten handelt”, schreibt die Stadtverwaltung. Sie weist aber erneut darauf hin, dass der Mietvertrag und die Betriebsbeschreibung bisher nicht vollständig vorliegen.
Den Großteil seiner Business Parks hat MLP in Polen. In Deutschland sind es sechs (die teilweise noch gebaut werden) und in Österreich und Rumänien jeweils einer. Der Logistikanteil an den jeweiligen Parks ist groß.
Politik will Vermietung prüfen
Wir haben auch die Politik gefragt, was sie von dem Vorgang hält: Die beiden größeren Kooperationspartner, SPD und CDU, finden erstmal gut, dass die Fläche genutzt werden soll. Aber: „Wenn vertraglich geregelt ist, dass logistische Nutzungen auf eine bestimmte Quadratmeterzahl begrenzt sind, muss selbstverständlich geprüft werden, wie die konkrete Vermietung einzuordnen ist”, schreibt SPD-Fraktionschef Dominic Schneider. Sein CDU-Pendant, Sascha Kurth, hält eine Überprüfung der Rahmenbedingungen für „geboten”. Derzeit jedoch wisse er nicht, wie genau die Vermietung gestaltet ist. Informationen dazu seien angefragt worden.
Mitreden
Haushaltsdiskussion im Spotlight
Vergangene Woche hatten wir mit Daniel Siebel und Laura Rosen die haushaltspolitischen Sprecher der Ratsfraktionen von SPD und CDU zu Gast. Wir sprachen über die gerade laufenden Haushaltsberatungen und die generelle Haushaltssituation. Der sogenannte „politische Haushalt”, über den gerade beraten wird, ist nur etwa zwei Millionen Euro schwer. Zur Erinnerung: Der gesamte Haushalt sieht Ausgaben von rund 1,6 Milliarden Euro in 2026 vor. Der Spielraum ist klein: Mit den rund zwei Millionen Euro lassen sich nur kleine politische Weichen für dieses Jahr stellen. Aber zum Beispiel auch Machbarkeitsstudien für größere Vorhaben aus dem beschlossenen Kooperationsvertrag anleiern. Am heutigen Donnerstag (5. Februar) werden im Hauptausschuss die wichtigsten Änderungsanträge beraten. In der Ratssitzung am 19. Februar soll der Haushalt dann im Rat der Stadt verabschiedet werden.
Wir sprachen auch lange über das sogenannte Haushaltssicherungsverfahren, zu dem Gelsenkirchen ab 2027 höchstwahrscheinlich verpflichtet wird. Die Stadtverwaltung muss dann einen Plan ausarbeiten, wie sie innerhalb von zehn Jahren die finanzielle Situation wieder geraderücken will. Das geht in der Regel nur mit einem strikten Sparkurs, der im Zweifel von der Bezirksregierung diktiert wird.
Am 25. Februar sprechen wir noch ausführlicher über den Kooperationsvertrag. Wir haben dafür die Spitzen von SPD, CDU, Grünen und FDP zu Gast. Anmelden können Sie sich über diesen Link.
Im Spotlight...
...auf der Bühne
05.02.2026 – Lesung mit Lena Schätte: „Das Schwarz an den Händen meines Vaters”
Lena Schätte liest bei uns aus Ihrem Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters”, der für den deutschen Buchpreis 2025 nominiert war. Ein bewegender Roman über das Aufwachsen in einer Familie, die in den sogenannten einfachen Verhältnissen lebt und die zugleich, wenn es darauf ankommt, zusammenhält.
Beginn: 19 Uhr ; Ort: Spotlight Gelsenkirchen, Arminstraße 15, 45879 Gelsenkirchen; Eintritt: 15 Euro; Abendkasse geöffnet
12.02.2026 – Kneipenquiz im SPOTLIGHT
Wer hat für Schalke das erste Tor in der Bundesliga geschossen? Wie sehen unsere Nachbarstädte von oben aus? Und welche Falschnachrichten gibt es zu Gelsenkirchen? Rätseln Sie mit und kommen Sie zu unserem ersten Kneipenquiz. Zusammen mit der Reporterfabrik von CORRECTIV geht es um Politik, Skurriles, Sport, Medien und vieles mehr. Sie können sich alleine oder als Team mit bis zu sechs Mitspielern anmelden.
Beginn: 19 Uhr ; Ort: Spotlight Gelsenkirchen, Arminstraße 15, 45879 Gelsenkirchen; Teilnahme kostenlos
25.02.2026 – Neuanfang oder weiter so? Diskussion zur Kooperation von SPD, CDU, Grünen und FDP
Gelsenkirchen wird in den kommenden Jahren politisch von einem Vierbündnis geführt. SPD, CDU, Grüne und FDP haben einen Kooperationsvertrag geschlossen und beschreiben darin, was sie in den kommenden Jahren für unsere Stadt umsetzen wollen.
Am 25. Februar haben wir die Möglichkeit, mit den beteiligten Parteien über den Vertrag zu diskutieren.
Beginn: 19 Uhr ; Ort: Spotlight Gelsenkirchen, Arminstraße 15, 45879 Gelsenkirchen; Teilnahme kostenlos
05.03.2026 – Aufgedeckt – die Stadt recherchiert
Wir wollen mit Ihnen zusammen aufdecken, was in Gelsenkirchen nicht gut läuft – und auch, was gut läuft.
Jeden ersten Donnerstag im Monat laden wir Sie deshalb zu einer gemeinsamen Redaktionskonferenz ins Café Spotlight ein. Wir sprechen über unsere aktuellen Recherchen, geben einen Einblick in unsere tägliche Arbeit und suchen nach neuen Perspektiven auf die Nachrichten in der Stadt und in den Stadtteilen.
Beginn: 19 Uhr ; Ort: Spotlight Gelsenkirchen, Arminstraße 15, 45879 Gelsenkirchen; Teilnahme kostenlos
Alle unsere Veranstaltungen finden Sie unter gelsenkirchen.correctiv.org/veranstaltungen
Die Woche auf einen Blick
+++ Am Freitag bleiben in Gelsenkirchen Kitas der AWO dicht, weil Verdi zum Streik aufgerufen hat. wdr.de
+++ Das Bistum Essen fährt einen harten Sparkurs und auch Gelsenkirchener Pfarreien müssen sparen. Dafür braucht es klare Vorgaben und keine pauschalen Kürzungen, fordert ein Kirchenvertreter. waz.de
+++ Die Stadtverwaltung hat das Wurstparadies Dilchert in Buer erstmal dicht gemacht, weil der Chef kein Fleischermeister ist. Die Inhaber argumentieren, das sei nicht nötig, weil dort Fleisch nur verkauft und nicht verarbeitet wird. Jetzt könnte es vor Gericht gehen. waz.de
+++ Die Partie von Schalke 04 gegen Dynamo Dresden am Samstag ist ein Hochrisikospiel. Deshalb gibt es keinen Alkohol im Gästeblock. radioemscherlippe.de
Köpfe im Spotlight
Diese Woche im Kurzinterview: Janis Samland, Besitzer des Spielecafés GEspielt.

Wie sind Sie zum Spielen gekommen?
Mein heutiger Geschäftspartner Denis Simon und ich haben schon in der Schulzeit gerne Sammelkartenspiele gespielt, zum Beispiel Pokemon. Wir haben uns nach der Schule mit Freunden dafür in der Bücherei getroffen. Mittlerweile veranstalten wir regelmäßig Turniere, wo Menschen gegeneinander antreten können. Es ist ein Hobby, das uns immer begleitet hat.
Was wird bei Ihnen im Cafe am meisten gespielt?
Was immer gerne gespielt wird, sind Klassiker wie „Die Siedler von Catan“. Wir haben zwar über 300 Spiele, aber nicht immer möchten die Leute etwas Neues ausprobieren. Wir nehmen uns zwar gerne Zeit und erklären neue Spiele, aber es gibt auch viele Menschen, die zu uns kommen, um zu quatschen. Die Spiele laufen dann eher so ein wenig nebenher.
Wenn Sie eine Sache an Gelsenkirchen von heute auf morgen ändern könnten - was wäre das?
Dass die Fahrradautobahn durch Gelsenkirchen geht.
Janis Samland und Denis Simon sind seit der Schule befreundet und spielen gemeinsam Gesellschaftsspiele. Vor über drei Jahren gründeten sie GEspielt in der Ahstraße.
Wie immer können Sie uns schreiben indem Sie auf diese Mail antworten. Egal, ob Sie Hinweise zum Thema der Woche, eine Idee für eine Veranstaltung oder Kritik haben.
Herzlichen Dank und bis bald
Mario Büscher
An dieser Ausgabe hat Tobias Hauswurz mitgearbeitet.
Schon gewusst?
Können Sie das Worträtsel diese Woche knacken?
Und so geht's:
Erraten Sie das gesuchte Wort in höchstens sechs Versuchen. Es sind nur gültige deutsche Wörter zugelassen.
- Grün: Buchstabe ist richtig und an der richtigen Stelle.
- Gelb: Buchstabe ist richtig, aber an der falschen Stelle.
- Grau: Buchstabe kommt im Wort nicht vor.
CORRECTIV ist spendenfinanziert
CORRECTIV ist das erste spendenfinanzierte Medium in Deutschland. Als vielfach ausgezeichnete Redaktion stehen wir für investigativen Journalismus. Wir lösen öffentliche Debatten aus, arbeiten mit Bürgerinnen und Bürgern an unseren Recherchen und fördern die Gesellschaft mit unseren Bildungsprogrammen.
