
Mario Büscher
Hallo zusammen,
Land und Kommune schieben sich die Verantwortung beim Rechtsanspruch auf den Offenen Ganztag gegenseitig zu. Darunter leiden am Ende die Kinder, die in immer größeren Gruppen betreut werden. Die Träger finden keine Leute und müssen ihre knappen Finanzen im Blick behalten.
Darum geht’s: Ab dem kommenden Schuljahr haben Kinder in der ersten Klasse einen rechtlichen Anspruch auf einen Platz in der Offenen Ganztagsschule (OGS). In Gelsenkirchen soll dieser Anspruch gewährleistet werden können, ohne dass Kindern aus höheren Stufen gekündigt werden muss. Aber: Die Gruppengröße wird an vielen Orten zunehmen. Und: Küchen sind an den meisten Schulen nicht für so viele Kinder ausgelegt und die Nachmittagsbetreuung dürfte oftmals dort stattfinden, wo die Kinder auch am Vormittag lernen. Im Klassenzimmer.
So ist die OGS organisiert: Der Schulträger, also die Verwaltung, ist für die Offene Ganztagsschule verantwortlich. Die konkrete Umsetzung übernehmen aber externe Partner. In Gelsenkirchen sind das die freien Träger Awo, Caritas, der evangelische Kirchenkreis und der Bauverein Falkenjugend. Die freien Träger stellen das Personal und organisieren den Tagesablauf. Auch für sie bedeutet der Rechtsanspruch eine Umstellung.
Unterschiede zwischen den Standorten: Der Druck auf die Offene Ganztagsschule unterscheidet sich von Standort zu Standort deutlich. Dort, wo es viele Kinder gibt, wird der Druck steigen. In Gelsenkirchen ist das laut den Trägern eher im Süden.
Das sagen die Träger: Überraschend kommt der Rechtsanspruch nicht. Die Entscheidung dazu fiel bereits 2021. Genug Zeit, um sich darauf vorzubereiten – könnte man meinen. „In den letzten Jahren haben die Kommunen und das Land wie das Kaninchen vor der Schlange gesessen. Die Stadt hat auf das Land gehofft, das Land auf den Bund”, sagt Christoph Grün, der bei der Caritas für die OGS zuständig ist. Mittlerweile habe die Stadtverwaltung den Ganztag auf dem Schirm. Seit einem Jahr befinden sich Träger und Schulamt in einem „sehr guten” Austausch. Die Verwaltung habe die Standorte aller Träger besucht, um sich ein Bild der Lage zu machen.
Und die Verwaltung weiß: Der Rechtsanspruch wird eine Herausforderung. Besonders die Ausstattung der Küchen ist ein Thema. Neben der Betreuung von immer mehr Kindern. Aber auch die Finanzierung ist ein Problem. Die Verwaltung hat das Land Nordrhein-Westfalen verklagt und fühlt sich mit der Finanzierung alleine gelassen. Argument: Wenn das Land den Rechtsanspruch will, muss es die nötigen Anpassungen auch bezahlen.
Trotz der vielen Hindernisse ist Grün sich sicher, eine gute Betreuung auf die Beine zu stellen: „Wir werden weiterhin ein gutes Angebot für den Ganztag schaffen können. Von einer reinen Verwahrung sind wir weit entfernt”, sagt er. Gleichzeitig sagt er, man sei an einigen Standorten „weit weg von einem optimalen Zustand”. Klassenräume seien „notdürftig” eingerichtet. An vielen Standorten werden die Kinder dort essen, wo sie sonst lernen und spielen. Eine klare Trennung gibt es vielerorts nicht.
In die gleiche Kerbe schlägt Stefan Kauker vom Bauverein Falkenjugend: Zum kommenden Schuljahr wird eine gute Betreuung gelingen, aber darauf dürfe sich niemand ausruhen: „Ich habe ein wenig die Angst, dass die Diskussion über Qualitätsverbesserungen im Zuge des OGS-Ausbaus auf der Strecke bleiben könnte.” Für das kommende Schuljahr erwartet aber auch er eine gute Betreuung.
Eine der Hauptaufgaben der Träger ist es derzeit, mehr Personal zu finden. In den Schulen des Offenen Ganztags arbeiten Fachkräfte und Nicht-Fachkräfte zusammen. Bei der Neubesetzung von Stellen kommt es auf das Angebot auf dem Arbeitsmarkt an – und auf die finanziellen Mittel. „Ein höherer Personalschlüssel würde uns dabei helfen, jedes Kind gezielt zu fördern und echte Bildungschancen für alle zu schaffen”, sagt Katja Heitmann vom evangelischen Kirchenkreis. Ein gutes Angebot sei weiterhin möglich. Dafür müsse es jedoch eine Umstellung von „Kleingruppen- und Einzelangeboten zu Angeboten für größere Gruppen” geben.
Mitarbeiter am Limit: Drastischer äußern sich Mitarbeitende Offener Ganztagsschulen gegenüber dieser Redaktion. Eine OGS-Leitung, die anonym bleiben möchte, sagt uns, dass die Stadtverwaltung Hinweise der Standorte in den vergangenen Jahren ignoriert habe. Sie habe „Angst davor, was jetzt passiert”, also ab dem Rechtsanspruch. Schon jetzt gebe es viel zu wenig Platz: Räume, die für 60 Kinder ausgelegt sind, würden von etwa doppelt so vielen Schülerinnen und Schülern genutzt.
Pädagogische Angebote seien so kaum noch möglich. Vor allem bei schlechtem Wetter sei es schlimm. „Wenn wir nicht rausgehen können, ist es eine Katastrophe mit allen Kindern, die einen hohen Bewegungsdrang haben, auf so engem Raum zu arbeiten”, sagt die Leitung. Eine andere Fachkraft, die auch anonym bleiben möchte, berichtet ähnliches. Sie fürchtet, dass die Qualität der Betreuung in Zukunft deutlich abnehmen wird. Die OGS-Leitung bringt es so auf den Punkt: „Die Kinder sollen sich in der OGS nicht verletzen und gegessen haben, wenn Sie nach Hause kommen. Alles andere hat erstmal keine Priorität.”
Diskutieren Sie mit: Christoph Grün von der Caritas wird am Donnerstag an einer Diskussion bei uns im Spotlight teilnehmen. Dabei ist außerdem Katrin Korte, Grundschullehrerin und Gewerkschafterin, und CORRECTIV-Bildungsreporterin Alexandra Ringendahl. Wir wollen aber vor allem auch Ihre Perspektiven sehen. Kommen Sie daher gerne vorbei. Die Anmeldung ist kostenlos.
Heute wichtig
+++ Am heutigen Montag streiken erneut viele Bus- und Bahnfahrer. Deshalb fahren viele Bus- und Bahnlinien nur eingeschränkt. Die 301 fällt beispielsweise komplett aus, auf der Linie 302 fahren zumindest einige Bahnen. Die meisten Busse von Bogestra und Vestischen fahren auch nicht. Bei der Bogestra gibt es eine Übersicht, welche Fahrten angeboten werden und welche nicht. Bogestra
+++ Nicht nur Busse und Bahnen fahren nicht, auch einige Apotheken bleiben am heutigen Montag zu. Mit einem bundesweiten Protesttag wollen Apothekerverbände auf die finanzielle Situation vieler Apotheken aufmerksam machen. Die Kosten für Personal, Miete oder Energie seien in den vergangenen Jahren gestiegen, die Vergütungen aber nicht. Wer heute dringend Medikamente braucht, bekommt Sie auf jeden Fall beim Notdienst. Apotheken-Umschau
+++ In Ückendorf sind am Wochenende erneut zwei Jugendliche von anderen Jugendlichen angegriffen worden. Ein 14- und ein 15-Jähriger waren laut Polizei auf der Trasse an der Almastraße unterwegs, als sie von zwei anderen Jungen angesprochen, festgehalten und nach Wertgegenständen durchsucht wurden. Einem der beiden soll anschließend ins Gesicht geschlagen worden sein. Die mutmaßlichen Täter flüchteten, bei der Polizei gibt es eine Beschreibung der beiden. Polizei Gelsenkirchen
Heute machen
Das ist heute in Gelsenkirchen los:
+++ Sentimental value, Kommunales Kino, Schauburg, 17:45 und 20:15 Uhr, Eintritt ab 3 Euro, Alle Infos
+++ Halbe Stunde Lesen, Lesung, readymade, 18:30 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
Demnächst im Spotlight
26.03.2026 – Recht auf Ganztag – machbar oder zu hohe Belastung?
Ab 1. August 2026 haben Erstklässlerinnen und Erstklässler Anspruch auf Betreuung im Offenen Ganztag. Kommunen klagen und fühlen sich vom Land allein gelassen. Träger fürchten, dass die Betreuung eher zu einer Verwahrung wird. Es fehlen Mensen, Personal und Räume.
Wir wollen mit Expert:innen darüber sprechen, was geschehen muss, um das Recht auf Ganztag gewährleisten zu können. Moderiert wird der Abend von CORRECTIV-Bildungsreporterin Alexandra Ringendahl. Wie immer wollen wir auch mit dem Publikum diskutieren.
19 Uhr ; Spotlight Gelsenkirchen, Arminstraße 15, 45879 Gelsenkirchen; Eintritt frei
09.04.2026 – Olympia oder NOlympia?
Am 19. April dürfen wir alle per Bürgerentscheid mitbestimmen, ob sich Gelsenkirchen an der Bewerbung für olympische Spiele an Rhein und Ruhr beteiligen soll. Im Spotlight diskutieren wir darüber mit Dominic Schneider, Fraktionsvorsitzender SPD im Rat oder Marco Fladrich, Vorsitzender des Sportausschusses für die SPD und Felix Langer, dem Co-Kreisvorsitzenden der Linkspartei.
Beginn: 19 Uhr ; Ort: Spotlight Gelsenkirchen, Arminstraße 15, 45879 Gelsenkirchen; Eintritt frei
Weitere Veranstaltungen im Überblick
+++ 02.04.2026 – Aufgedeckt – die Stadt recherchiert, Offene Redaktionskonferenz, Spotlight Gelsenkirchen, Eintritt frei, Alle Infos
+++ 07.05.2026 – „Akten des Missbrauchs”: Film-Screening mit Q&A, Spotlight Gelsenkirchen, Eintritt 8 Euro, Alle Infos & Tickets
Alle unsere Veranstaltungen finden Sie unter gelsenkirchen.correctiv.org/veranstaltungen
Schalke hat am Samstagabend 1:1 in Darmstadt gespielt und damit die Tabellenführung verteidigt. Im Rennen um den Aufstieg geht es aber weiter Kopf an Kopf.
Schon am Donnerstag haben wir über den FC Schalke und seine Bedeutung für Gelsenkirchen gesprochen. Haben Sie Gedanken zum Thema? Ist der Verein immer noch Identitätsstifter? Oder hat er für die Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener an Strahlkraft verloren? Antworten Sie auf diese Mail und schreiben Sie uns Ihre Gedanken.
Vielen Dank und bis bald!
Mario Büscher
An dieser Ausgabe haben Tobias Hauswurz und Ronja Rohen mitgearbeitet.
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