
Tobias Hauswurz
Hallo zusammen,
Gärtner in Ückendorf bangen um die Zukunft ihrer Parzellen. Die Gärten stehen seit mehr als 40 Jahren auf einer Fläche, auf der sie nie hätten stehen dürfen. Die Stadtverwaltung übernimmt die Fläche zum Jahresende und will nun geltendes Recht durchsetzen.
Darum geht’s: An der Leithestraße in Ückendorf befinden sich hinter einem Garagenhof 17 Gartenparzellen, die sich auf den ersten Blick nicht von einem äußerst gepflegten Kleingarten unterscheiden. Die ältesten Parzellen entstanden Ende der 70er-Jahre. Die Flächen wurden damals als Grabeland von der Ruhrkohle AG an Bergleute verpachtet. Die bauten sich die ersten Lauben in ihren Parzellen. Das war auch damals schon nicht erlaubt und gilt noch heute, wie die Stadtverwaltung sagt: „Die auf der Fläche befindlichen Aufbauten sind weder bauordnungsrechtlich genehmigt, noch genehmigungsfähig.“
Ein Stück Geschichte und Heimat: „Man bekam hier damals nur eine Parzelle, wenn man bei der Ruhrkohle war“, sagt Johannes Endlein, der die Parzelle von seinen Eltern übernommen hat. Heute ist Endlein „Obmann“ des Kleingartenvereins „Bierkengrund“, der kein eingetragener Verein ist, sondern nur die inoffizielle Selbstverwaltung eines zusammengewürfelten Haufens, wie die Gärtner selbst sagen. Sein Stellvertreter Thomas Peters hat den Garten ebenfalls von seinen Eltern übernommen, die 1979 als eine der ersten Familien eine Parzelle bekamen.

Das Problem: Im Bebauungsplan Nr. 224 von 2001 ist das Gebiet, auf dem die Gartenlauben stehen, als „Fläche für Maßnahmen zum Schutz, zur Pflege und zur Entwicklung von Boden, Natur und Landschaft“ und genauer als „Fläche für Wald“ gekennzeichnet. Das heißt: Dort dürfte eigentlich gar nichts stehen. Bisher hat das niemanden gekümmert. Bis jetzt.
Stadt übernimmt Fläche zum Jahresende: Aktuell verpachtet die Firma NRW.Urban, eine Tochter des Landes Nordrhein-Westfalen, die 17 Parzellen an die Gärtner. Zum Jahresende verkauft das Unternehmen die Fläche zu einem symbolischen Preis an die Stadtverwaltung, die zur Übernahme verpflichtet ist. Die Fläche ist Teil eines größeren Deals zur Reaktivierung ehemaliger Industriebrachflächen. NRW.Urban hat die Pächter im März über die Übernahme informiert.


Ein Kleingartenidyll, das es nicht geben dürfte. (Fotos: Tobias Hauswurz)
Verwaltung will bei Übernahme Bebauungsplan umsetzen: Wir haben die Stadtverwaltung gefragt, wie sie mit den Parzellen ab Jahresende umgehen will. Sie schreibt uns, dass sie „grundsätzlich beabsichtigt, die Flächen entsprechend den Festlegungen des bestehenden Bebauungsplanes zu entwickeln.“ Das bedeutet: Die Gärten müssen weg – mitsamt Beeten, Lauben, Fahnenmasten, Zäunen und allem anderen. Zumindest langfristig. Die Stadtverwaltung argumentiert auch mit Gefahrenabwehr, zu der sie verpflichtet ist: „Teilweise gibt es auch Bedenken im Hinblick auf Standsicherheit, Brandschutz und andere zwingende Anforderungen.“ Anders gesagt: Weil die Lauben nie offiziell genehmigt wurden, weiß auch niemand, ob sie allen heutigen Sicherheitsanforderungen genügen.
Geschockte Gärtner: „Mein Eltern haben den Garten bekommen, als ich neun Jahre alt war“, sagt Johannes Endlein. Als er übernahm, stand die Laube schon drauf. „Ich habe mein Leben hier verbracht, meine Enkelkinder werden hier groß. Dass wir jetzt hier weg sollen, hat mich schockiert.“ Die Gärtner bemängeln, dass von Seiten der Stadtverwaltung noch niemand mit ihnen das Gespräch gesucht habe.


Ein altes Gebäude der Gärtnerei, die hier mal stand, dient als Party- und Versammlungsraum. „Das historische Gebäude wäre ohne uns längst verfallen“, sagt Johannes Endlein. (Fotos: Tobias Hauswurz)
Austausch mit NRW.Urban: Die Stadtverwaltung ist aktuell im Austausch mit NRW.Urban. Sie will erreichen, dass die Landestochter die bestehenden Pachtverträge vor der Übernahme kündigt. Zum Hintergrund schreibt die Stadtverwaltung uns: „Es ist Auffassung der Stadtverwaltung, dass mit Übernahme der Fläche die Stadt Gelsenkirchen nicht in ungekündigte Miet-/Pachtverträge eintreten darf, sofern dies dazu führt, dass die Stadt Vermieterin/Verpächterin von bauordnungsrechtlich nicht zulässigen Objekten wird, bei denen zwingend einzuhaltende Vorgaben etwa aus den Bereichen Statik und Brandschutz nicht eingehalten sind, so dass die Stadt im Sinne der Gefahrenabwehr gegen sich selbst würde einschreiten müssen.“
Gärtner hoffen auf Gnadenfrist: „Wir sind ja gesprächsbereit, wir bauen auch gerne das ein oder andere zurück, falls es aus Sicherheitsgründen sein muss“, sagt Johannes Endlein. Thomas Peters hat auch einen konstruktiven Vorschlag in Richtung Stadtverwaltung: „Wir sind hier alle im gesetzten Alter. Schon in zehn Jahren wird es hier nicht mehr viele Gärten geben.“ Seine Idee: Wenn jemand stirbt oder seine Parzelle altersbedingt kündigt, vergibt die Verwaltung die Parzelle nicht erneut, sondern überlässt sie der Natur, wie im Bebauungsplan vorgesehen.

Verwaltung spricht von „sozialer Auslauffrist“: Wir haben die Stadtverwaltung gefragt, ob sie dem Umstand Rechnung tragen wird, dass die Parzellen zum Teil seit Jahrzehnten bewirtschaftet werden. Sie schreibt uns, es könnten „soziale Auslauffristen” gewährt werden. Das würde bedeuten, dass „nicht bereits mit dem Datum der Übernahme die Nutzung eingestellt werden muss.“ Zumindest insofern es nicht im „Sinne der Gefahrenabwehr zwingend geboten ist.“ Was genau das heißt und wie lange eine solche Frist sein würde, ist noch unklar. Aber es ist ein Satz, der die Gärtner hoffen lässt.
Heute wichtig
+++ In Gelsenkirchen hat es innerhalb von zwei Tagen drei Mal gebrannt. In zwei Fällen geht die Polizei von Brandstiftung aus. Bereits am Donnerstagnachmittag brannten Büsche auf einem Brachgelände an der Almastraße in Ückendorf, am Donnerstagabend kam es zu einer Explosion und einem Brand im Anbau eines Wohnhauses an der Sudetenstraße in Schalke. Freitagabend brannte ein leerstehendes Gebäude am Wiehagen in der Neustadt. In Ückendorf und in der Neustadt schließt die Polizei eine natürliche Ursache aus. Radio Emscher Lippe
+++ Schalke steigt auf und die Fans feiern im gesamten Stadtgebiet. Schon vor der Partie gegen Fortuna Düsseldorf waren Tausende Menschen auf den Straßen. Am Stadionmarsch nahmen rund 20.000 Fans teil, nach Abpfiff feierten sie auf den Straßen weiter.Der Verkehr stand in großen Teilen der Stadt still. Die Party verlief laut Polizei weitgehend friedlich. Eine Frau wurde jedoch durch Pyrotechnik schwer verletzt. Ein Mann musste ins Krankenhaus – er hatte sich bei dem Versuch, den Innenraum der Arena zu betreten, verletzt. Polizei Gelsenkirchen
Heute machen
Das ist heute in Gelsenkirchen los:
+++ Mixed-Media Collage, Kunstkurs, Kunstschule, 17.30 Uhr, 30 Euro, Alle Infos
+++ Die progressiven Nostalgiker, Kommunales Kino, 17.45 Uhr & 20.15 Uhr, ab 3 Euro, Alle Infos
Demnächst im Spotlight
07.05.2026 – „Akten des Missbrauchs”: Film-Screening mit Q&A
Der Dokumentarfilm „Akten des Missbrauchs“ von CORRECTIV folgt der Spur geheimer Kirchendokumente bis hinter die Mauern des Vatikans. Während die Kirche weiter Papst Benedikt XVI. schützt, stößt die Recherche auf brisante Belege: Ein von ihm unterzeichnetes Schreiben führt zu einem geheimen Archiv, in dem Verbrechen weltweit dokumentiert werden. Die investigative Dokumentation führt bis an die Spitze der Kirche – und stellt die Frage nach Verantwortung im Umgang mit Missbrauch.
Im Anschluss an die Filmvorführung laden wir zum Q & A mit dem Reporter hinter der Recherche, Marcus Bensmann, ein.
28.05.2026 – Schmutzige Müllgeschäfte und der Tatort Gelsenkirchen
Gelsenkirchen war CORRECTIV-Recherchen zufolge jahrelang ein millionenschweres Drehkreuz für illegalen Müll. Unser Kollege Michael Billig recherchiert seit Jahren zum Umweltschutz und dreckigen Geschäften mit Abfall. Bei uns im Café wollen wir mit ihm über die deutsche Müll-Mafia, die illegale Deponie im Hafen Grimberg und den aktuellen Ermittlungskomplex „Boden NRW“ sprechen. Michael bringt neue Erkenntnisse, Hintergründe und Fälle aus ganz Europa mit.
Alle unsere Veranstaltungen finden Sie unter gelsenkirchen.correctiv.org/veranstaltungen
Ich selbst habe in meiner journalistischen Laufbahn zum Glück noch nie Drohungen, Hass oder Todeswünsche bekommen. Bei vielen meiner Kolleginnen und Kollegen bei CORRECTIV sieht das leider anders aus. Zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai haben wir einen Einblick hinter die Kulissen gegeben und aufgeschrieben, was für Nachrichten die Redaktion fast täglich erreichen. Der Hass soll Journalistinnen und Journalisten einschüchtern und an ihrer Arbeit hindern. Und auch wenn ich selbst noch nicht Ziel von solchen Nachrichten war: Angriffe auf die freie Presse sind Angriffe auf uns alle.
Ich wünsche Ihnen einen guten Wochenstart, wir lesen uns die Tage
Tobias Hauswurz
An dieser Ausgabe hat Mario Büscher mitgearbeitet.
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