
Mario Büscher
Hallo zusammen,
es gab keine Entscheidungen in den ersten beiden Zivilprozessen zum Sparkasseneinbruch in Buer. Einen Vergleich lehnten sowohl die beiden Kläger als auch die Sparkasse Gelsenkirchen ab. Es läuft alles auf ein neues Gutachten hinaus. Möglich wäre, dass ein Teil der Zivilprozesse ausgesetzt wird, solange ein Sachverständiger sich mit dem Einbruch und einer möglichen Verantwortung der Sparkasse beschäftigt. Am 9. Juli gehen die Prozesse weiter.
Darum geht’s: Es sind die ersten Zivilprozesse nach dem Sparkasseneinbruch in die Filiale in Buer. Die Geschichte kennen Sie: Kurz nach Weihnachten sind Unbekannte in den Tresorraum eingestiegen und haben mehr als 3000 Schließfächer ausgeräumt. Der Schaden ist schwer zu beziffern, standardmäßig versichert ist jeweils nur ein Betrag bis 10.300 Euro.
Staatsanwaltschaft ermittelt noch: Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, die Täter sind weiter auf der Flucht. Die ersten Zivilprozesse gibt es jetzt trotzdem schon. Die zentrale Frage ist: Hat die Sparkasse genug gemacht, um den Tresorraum zu schützen? Und falls nicht: Konnten die Täter nur deshalb einbrechen und Millionenbeträge erbeuten?
Medienrummel: Es ist schwer zu leugnen, dass hier am Donnerstag am Landgericht Essen etwas besonderes passiert. So viele Kameras und Mikrofone sind nur selten auf Prozessbeteiligte gerichtet, so viele Notizblöcke von Reportern nur selten gezückt. Rechtsanwalt Daniel Kuhlmann, der nach eigenen Angaben hunderte Geschädigte vertritt, kündigte seine Ankunft vorab über die Sozialen Medien an. Und er ist pünktlich: Eine Stunde vor Prozessbeginn fährt er vor. In einem silbernen Mercedes mit getönten Scheiben, zusammen mit seinen beiden Mandanten. Ein Auto mit zwei Personenschützern, die kurz später die Türen des ersten Autos öffnen, folgt dahinter.
Emotionaler Auftakt: Als erste steigt Rita M. aus der hinteren Tür des Wagens aus. Sie trägt ein schwarz-weißes Kleid, darüber eine schwarze Strickjacke, Kuhlmann unterstützt sie beim Aussteigen aus dem Auto. Für Frau M. geht es um 391.000 Euro. So viel Geld hatte die 83-Jährige nach eigenen Angaben in dem Schließfach in Buer. Es stammt aus dem Verkauf einer Eigentumswohnung, wie sie sagt. Das Gericht hält die Angaben der Frau für nachvollziehbar. Das sagt aber nichts darüber aus, ob sie das Geld am Ende auch zurückbekommt. Denn dafür müsste das Gericht auch anerkennen, dass die Sparkasse ihre Pflicht zum Schutz des Tresorraums verletzt hat. Daniel Kuhlmann und Rita M. stellen sich vor der Drehtür des Landgerichts auf. So war es abgesprochen. Die Journalisten aus ganz Deutschland fahren ihre Mikrofone aus, starten ihre Kameras, es fängt an zu regnen. „Ich habe gedacht, ich muss sterben”, sagt Rita M. dann mit Blick auf die erste Zeit nach dem Einbruch. Drei, vier Tage habe sie mit Panikattacken im Bett gelegen. Ohne das Geld könne sie aktuell nicht einmal ihre Beerdigung bezahlen, wird sie nach der Verhandlung sagen.

Zweiter Geschädigter: Joachim Alfred Wagner steigt als letzter aus dem Wagen. Er lächelt und begrüßt die „lieben Medienvertreter“. Der 63-Jährige sei positiv gestimmt. Wagner fühlt sich um seine Altersvorsorge betrogen und wirft der Sparkasse vor, daran eine Mitschuld zu tragen. „Eklatante Versäumnisse“ bei der Sicherheit habe es gegeben, sagt sein Anwalt später. In Wagners Schließfach waren Schmuck und Münzen im Wert von knapp 49.000 Euro, wie er sagt. Wagner hat darüber eine Liste erstellt und ans Gericht geschickt. Die wird später im Gerichtssaal nochmal Thema. Denn das Gericht lässt durchklingen, dass es schwieriger ist, den Wert vom Familienschmuck des Klägers zu bestimmen als den von Bargeld aus einem Wohnungsverkauf. Im ersten Schritt aber geht es noch nicht um die Höhe des Schadenersatzes.
Vor Gericht: Im Gerichtssaal sitzen rund 60 Menschen und 25 Journalisten, auch weitere Geschädigte sind da, einige bekannte Gesichter der Demo im Mai sitzen auf den Stühlen in Saal 101 des Landgerichts. Vorne sitzen die drei Vertreter der Sparkasse rechts von Richter Stefan Ostheide, Kuhlmann, sein Kollege und die Geschädigten links. Anberaumt waren für jeden der beiden Gütetermine 30 Minuten, am Ende spricht der vorsitzende Richter schon in der Verhandlung von Rita M. dreimal so lange in das Mikrofon.
Die Kernfrage: Auf einen zentralen Punkt kommt der Richter immer wieder zurück: War die Sicherheit vor dem Einbruch auf einem angemessenen Stand? Darum wird es im Verfahren gehen. Der Gutachter der Klägerseite kommt zu dem Schluss, dass das nicht der Fall gewesen sei. Ein Gutachter der Sparkasse widerspricht dem wohl. Ein Handbuch für die Sicherung von Tresorräumen von Banken gebe es nicht und auch „absolute Sicherheit wird es nicht geben”, sagt Richter Ostheide. Es gehe nicht darum, „was man noch hätte machen können”, sondern darum, ob das, was da war, nach dem Stand der Technik zum Zeitpunkt des Einbruchs ausgereicht hat. Es ist wahrscheinlich, dass er diese Fragen nicht ohne einen eigenen Gutachter klären kann. Wie genau es weitergeht, will Ostheide am 9. Juli verkünden.
Der Vergleich: Die Frage nach einem Vergleich wird am Ende der beiden Verfahren jeweils schnell abgeräumt. Die Sparkasse würde wohl 10.300 Euro zahlen, das ist den Klägern zu wenig. Am Ende einigen sich die Parteien wie erwartet nicht.
Die Bewertung: Daniel Kuhlmann ist nach der Sitzung zufrieden. Der Vorsitzende sei „sehr bemüht, die ganze Sache aufzuklären“. Der Rechtsanwalt geht nicht davon aus, dass sich das Verfahren unendlich in die Länge zieht. Es sei gut, dass das Gericht darüber nachdenkt, Verfahren auszusetzen, bis ein erstes Gutachten vorliegt. Diese könnte dann als Grundlage für weitere Klagen genutzt werden.

Der Krisenkommunikator: Auch Sparkassensprecher und Krisenkommunikator Martin Riecken äußert sich noch im Gerichtsgebäude. Man verstehe die Verärgerung der Kunden, es sei den Verantwortlichen bewusst, wie belastend die Situation für die Betroffenen ist. Mit Blick auf die Verhandlung sagt Riecken: „Es ist alles offen, es gab heute keine Entscheidung.“ Zu den einzelnen Umständen der Tat lägen noch „viel zu wenig” Erkenntnisse vor. Zum eigenen Gutachten wollte Riecker nicht ins Detail gehen. Auch er rechnet fest damit, dass das Gericht einen eigenen Sachverständigen ins Rennen schicken wird.
Fazit: Die Mitarbeitenden des Landgerichts müssen am Ende Überstunden schieben. Eigentlich schließt das Gebäude um 16 Uhr, die Interviews nach der Verhandlung ziehen sich bis 17.30 Uhr. Es bleiben nach dem Auftakt zwei Geschädigte, die immer noch nicht wissen, ob und wie viel Geld sie zurückbekommen werden. Der silberne Mercedes fährt wieder vor. Rita M. und Joachim Alfred Wagner steigen ein. Am 9. Juli wird der Saal 101 des Landgerichts wieder aufgeschlossen. Dann geht der Prozess weiter.
Heute wichtig
+++ Das Personal der Marienhospitäler in Ückendorf und Buer und des Elisabeth-Krankenhauses in Erle protestiert heute gegen geplante Sparmaßnahmen des Bundes im Gesundheitswesen. Von 11 bis 13 Uhr bleiben deshalb heute die Haupteingänge beider Krankenhäuser symbolisch geschlossen, meldet Radio Emscher Lippe. Über Seiteneingänge bleiben die Häuser aber weiter offen. Auch auf die Versorgung von Patienten habe der Protest keinen Einfluss. Radio Emscher Lippe
+++ Eine Gelsenkirchenerin muss nach einem tödlichen Messerangriff auf ihren Mann für viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Die 69-Jährige hatte laut Radio Emscher Lippe vor dem Essener Landgericht gestanden, ihrem pflegebedürftigen Ehemann in der Silvesternacht mehrfach in den Bauch gestochen zu haben. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die stark alkoholisierte Frau ihren Mann zwar verletzen, aber nicht töten wollte. Deshalb lautet das Urteil „Körperverletzung mit Todesfolge“. Radio Emscher Lippe
Am Wochenende machen
Das ist am Wochenende in Gelsenkirchen los:
Freitag, 12. Juni
+++ Denkwürdige Architektur - Romanik und Gotik en miniature, Führung, Ev. Christuskirche, 18:30 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
+++ Radikale Hoffnung: Kunst und Arbeitskampf, Ausstellungseröffnung, Kunstmuseum Gelsenkirchen, 19 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
+++ Mirja Boes & die Honkey Donkeys – Arschbombe Olé!, Comedy, Heilig-Kreuz-Kirche, 19 Uhr, ab 27,20 Euro, Alle Infos
+++ Mundorgel, Abend zum Mitsingen, Kunstkiosk, 19 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
+++ Dekolonialwarenladen, Führung, EinLaden, 19 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
+++ Phoenix Effect, Tanzabend, Musiktheater im Revier (Kleines Haus), 19:30 Uhr, ab 16 Euro, Alle Infos
Samstag, 13. Juni
+++ Familienkino - „Wege finden“, Kino, Bildungszentrum, 10:30 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
+++ Bezirksfest Süd, Kleingartenverein Wiehagen, 14-22 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
+++ Singen macht fröhlich - Sing mit, Mitsing-Konzert, Alfred-Zingler-Haus, 14:30 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
+++ Dekolonialwarenladen, Ausstellung, EinLaden, 15 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
+++ Monster Jam, Monster-Truck-Show, Veltins-Arena, 15 Uhr, ab 26,75 Euro, Alle Infos
+++ Tobi Krell – Open Air Tour 2026: Rätsel, Wissen, Abenteuer, Show für Kinder, Amphitheater, 16 Uhr, ab 48,75 Euro, Alle Infos
+++ Metamorphosen, Ausstellungseröffnung, Domizil des Bundes Gelsenkirchener Künstler, 17 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
+++ KOMMSE ÜCKEN?!, Festival, Bochumer Straße, 18 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos
+++ Und es leuchteten die Sterne, Opernnacht, Musiktheater im Revier, 19 Uhr, ab 18 Euro, Alle Infos
Demnächst im Spotlight
18. Juni 2026, 19 Uhr - Köpfe im Spotlight: Melahat Tonyali
In unserem unregelmäßigen Talk-Format haben wir im Juni Melahat Tonyali zu Gast. Die 58-Jährige ist die erste Preisträgerin des neuen Gleichstellungspreises „Femmetastisch“ der Stadt Gelsenkirchen. Den Preis hat Tonyali für ihr jahrelanges Engagement um die Integration von Zugewanderten Frauen und Kindern bekommen. Wir sprechen mit ihr über ihre Arbeit im Verein „Eltern für Eltern Brücke e.V.“, die Situation migrantischer Frauen in Gelsenkirchen und wie Integration in Gelsenkirchen gelingen kann.
20. Juni 2026, 16 Uhr - The Colins Company live
The Colins Company ist eine Folk-Cover-Band um den Gelsenkirchener Musiker Rüdiger Jagsteit. Der erste Teil des Konzerts findet Open-Air draußen vor dem Laden statt, der zweite Teil dann im Café. Weil der Eintritt frei ist, geht ein Hut rum.
25. Juni 2026, 19 Uhr - Kneipenquiz im Spotlight
Es ist soweit: Die zweite Runde unseres Kneipenquiz geht an den Start. Wer hat für Schalke das bisher letzte Tor in der Bundesliga geschossen? Welche Städte erkennen Sie auf einen Blick? Und wie Gelsenkirchen-Fit sind Sie? Es wird ein paar kleine Neuerungen geben. Für das Gewinner-Team winkt aber wieder eine Überraschung, eine Medaille und ewiger Ruhm.
Weitere Veranstaltungen im Überblick:
+++ Aufgedeckt – die Stadt recherchiert, 2. Juli, 19 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos & Anmeldung
+++ Lesestoff & Spritz, 9. Juli, 19 Uhr, Eintritt frei, Alle Infos & Anmeldung
Gestern haben wir bei uns auf der Bühne über leerstehende Kirchen und ihre Nachnutzung gesprochen. Wir nutzen solche Abende immer auch als Start für eigene Recherchen. Ist Ihnen zum Thema noch etwas aufgefallen? Wo stehen in Ihrer Nachbarschaften Kirchen leer? Wo gibt’s Positivbeispiele für neue Nutzungen? Schreiben Sie uns gerne. Einfach auf diese Mail antworten oder gelsenkirchen@correctiv.org nutzen.
Ein schönes Wochenende!
Ihr
Mario Büscher
An dieser Ausgabe hat Tobias Hauswurz mitgearbeitet.
Worträtsel
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